Aus einer alten Chronik
Schmiedeberg.
Wir
verlassen den Zug auf der Haltestelle Schmiedeberg-Markt. Vor uns liegt
im farbenfrohen Glanz der Morgensonne der Marktflecken Schmiedeberg, freundlich
hingebettet in eine Talmulde des Schwarzwasserbaches. Wie auf einer Weihnachtskrippe
klettern die Häuschen die sanften Talhänge empor, die ringsum
von immergrünen Fichtenwäldern gekrönt sind. Im Westen schließen
die mächtigen Rücken des Keilberges und des Fichtelberges das
liebliche Bild ab.
Wir wandern durch den Ortsteil „Wilde Henne", an dem neuzeitlich eingerichteten
Elektrizitätswerk vorüber, dem Marktplatze zu. Bei der Pfarrkirche,
die aus dem Jahre 1710 stammt, erreichen wir die Hauptstraße. Neben
der Kirche steht eine Mariensäule, errichtet im Jahre 1706 von dem
Hammerwerkspächter Johann Heinrich Benedikt Schmiedl.
Einige
Schritte weiter ragen die beiden Schulhäuser auf. Das im Jahre 1879
vollendete Gebäude der Mädchenvolksschule und das jüngere,
lichtdurchflutete Bürgerschulgebäude mit dem mahnenden Kriegerdenkmal
davor. Gegenüber erhebt sich das Wappen-geschmückte Stadthaus,
das außer dem neuzeitlich eingerichteten Bürgermeisteramt auch
die Gendarmerie und das Postamt beherbergt.
Seiner .Anlage nach ist Schmiedeberg ein Straßendorf, das sich in
einer Länge von 3 km den Schwarzwasserbach entlang zieht. Die abseits
der Hauptstraße gelegenen Ortsteile heißen Winkel, z.B. „Drahtmühlwinkel",
„Försterwinkel". »Wickwinkel", »Mühlwinkel". Der
unterste Teil des Ortes hieß früher „Bei der Rohrschmiede",
der oberste Teil wird heute noch „Zollhausberg" genannt. Alle diese Namen
hängen mit der geschichtlichen Entwicklung Schmiedebergs zusammen.
Die älteren Hauser sind durchwegs Fachwerkbauten, nur im Unterbau
aus Stein- oder Schlackenziegeln gemauert, im Obergeschoß meist mit
Holz verkleidet. Die Neubauten der letzten 50 Jahre haben Stein- und Ziegelmauern.
Nur hinter der Kirche stehen 3 ganz aus Holz gebaute Blockhäuser,
die aus der Zeit unmittelbar nach dem Weltkrieg stammen. Im Jahre 1940
hatte Schmiedeberg 612 Häuser, davon waren 44 unbewohnt (Fabriksgebäude,
Brandstätten und abgetragene Häuser). 2 Jahrzehnte früher
waren es 502 Häuser, 4 Jahrzehnte früher nur 408. Jm Jahre 1880
zählte Schmiedeberg nur 379 Häuser und 100 Jahre vorher nur 253.
Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 wurden 4107 ortsansässige
Bewohner festgestellt, davon 1931 Männer und 2176 Frauen, die sich
auf 1200 Hausbalte verteilen. Im Jahre 1910 hatte Schmiedeberg sogar 4520
ständig anwesende Bewohner. Die Blutverluste des Weltkrieges, die
trostlose Wirtschaftslage der Nachkriegszeit, vor allem aber der erschreckende
Geburtenrückgang der letzten 30 Jahre ließen die Einwohnerzahl
so absinken. Gegenüber 194 Geburten im Jahre 1938 und 157 Geburten
im Jahre 1921 kamen im Jahre 1938 nur 44 Kinder zur Welt.

Die Haupterwerbsquelle der Bewohner ist heute die Industrie. Schmiedeberg
erzeugt in erster Linie die verschiedensten Fischkonserven, Essig, Blechdosen
und Blechspielwaren, Fischtran, Futtermehl und Fischdünger, ferner
Zwirne und Garne, Strümpfe, Handschuhe und Strickwaren, allerlei Druckerzeugnisse
und Kartonagen, Möbelbeschläge, Isolierschläuche und Maschinenbestandteile.
Rund 1000 Personen sind dabei beschäftigt, zum Teil als Heimarbeiter.
Weiter bestehen ungefähr 200 Gewerbe- und Handelsbetriebe. Der Wald
gibt etwa 100 Menschen Arbeit und Brot. Die Landwirtschaft wird meist nur
als zusätzlicher Nebenberuf betrieben, weil Klima und Boden nur geringe
Erträge zulassen. Rund 700 Menschen müssen sich aber ihr Brot
in den Betrieben der Umgebung, in Weipert, Bärenstein, Annaberg, Jöhstadt,
Kupferberg, Meretitz usw. suchen. Um 1880 waren noch 30% der erwerbstätigen
Bewohner Schmiedebergs "Klöppler und Gorlnäher, 25% Waldarbeiter,
nur 10% Fabriksarbeiter und 7% Landwirte. Dieses Verhältnis wird uns
verständlich, wenn wir bedenken, daß vom Gesamtausmaß
der Gemeinde mit 2087 ha allein 77% auf Wald und nur 17% auf Acker und
Wiese entfallen. In früherer Zeit spielte auch die Holzflößerei
auf dem Schwarzwasserbach und die Erzeugung von Holzkohlen eine wichtige
Rolle. Auch die im Jahre 1859 begründete Zündhölzchenfabrik
fußte auf dem Holzreichtum.
Das durchschnittliche Einkommen reichte in vergangenen Tagen nur zu einer
bescheidenen, ja oft sogar sehr kärglichen Lebensweise. Die Sterblichkeit
war manchmal beängstigend hoch. Gesundheitliche Einrichtungen wurden
erst in den letzten 30 Jahren geschaffen. Der mittlere Ortsteil erhielt
eine Kana-lisierung, die elektrische Beleuchtung wurde 1911 eingeführt.
Nach dem Weltkrieg richtete die Firma A. Elster in ihrem Betrieb eine allgemein
zugängliche Badeanstalt ein, 1931 wurde als Notstandsarbeit eine Wasserleitung
erbaut. Heute wird der Gesunderhaltung der Einwohner viel mehr Augenmerk
geschenkt. Die Hilfsstelle „Mutter unb Kind" betreut die Kleinkinder. Die
Zöglinge des Kindergartens, die Schuljugend unterliegen ständiger
ärztlicher Überwachung. Der große und gepflegte Turnplatz
der Turngemeinde lädt alle zur Kräftigung und Stählung ihrer
körperlichen Gesundheit. Der Bau von Siedlungshäusern wird kräftig
gefördert. Auch in der Pflege des geistigen Lebens hat
Schmiedeberg immer mit den Erfordernissen der Zeit Schritt gehalten. Ein
Schulhaus wird Schon 1620 erwähnt. Von 1728-1852 betreute die Lehrerfamilie
Theumer ununterbrochen durch vier Generationen die Schule, die unter Kaiser
Josef II, eine 2. Klasse erhielt. Das Haus Nr. 74 neben der Kirche war
damals das Schulhaus; der Weg, der dort nach Wiipert abzweigt, heißt
heute noch „Schulgasse". Das Gebäude der jetzigen Mädchenvolksschule
wurde 1878 vollendet; das Gebäude der Knabenvolks- und Bürgerschule
wurde 1908 eingeweiht. Gegenwärtig besitzt Schmiedeberg eine 5-klassige
Mädchenvolksschule. eine 5-klassige KnabenvolksSchule und eine 5-kIassige
Hauptschule. Im Jahre 1885 wurde der Schulkreuzerverein gegründet,
der mittellose Schüler mit Lernbehelfen versorgte und eine sehr segensreiche
Tätigkeit entfaltete. Zur Betreuung der vorschulpflichtigen Jugend
gibt es einen Kindergarten. Die Schulentlassenen besuchen die Berufsschule
in Weipert. Zur selbständigen Fortbildung Steht allen Bewohnern die
Gemeindebücherei mit 2152 Bänden zur Verfügung. Das Tonfilmkino
erfreut sich gleichfalls eines guten Besuches.
Der Überlieferung nach kamen die ersten Ansiedler von Sorgenthal her.
Es waren Bergleute, die, von dem Eisenvorkommen angelockt, den Schwarzwasserbach
aufwärts in den Wald vordrangen. Das Sogenannte „Alte Schloß"
unterhalb Schmiedebergs (ganz verfallene Mauerreste und gewaltige Schlackenhalden)
scheint das erste Schmelzfeuer und Hammerwerk gewesen zu sein. In den Urkunden
wird es aber nicht mehr erwähnt, es dürfte somit schon vor 1500
wieder aufgelassen oder zerstört worden sein. Weitere solche Schmelzfeuer,.
denen auch Hammerwerke zur Verwertung des ausgeschmolzenen Eisens angeschlossen
waren, entstanden talaufwärts. Die notwendigen Erze wurden im Kirchenbau
und im Gebiet von Orpus gegraben, wo wir heute noch auf zahlreiche Pingen
und-Grubenanlagen stoßen. Den ehemaligen Eisenhämmern verdankt
Schmiedeberg auch seinen Namen, der in alten Urkunden als „Schmiedewergk"
oder „Schmitebergk" erscheint. Die ersten Bewohner waren Bergleute und
Schmiede, Holzbauer und Köhler. Sie trugen um 1600 schon die Namen
Bartl, Kreißl, Landrock, Lienert, Schmiedl und Schubert, also Namen,
die auch heute zu den häufigsten in
Schmiedeberg gehören.

Die größte Schmelzhütte stand auf dem Grundstück der
heutigen Fischkonservenfabrik E. Lienert. Im Jahre 1614 ging dieses Hammerwerk
„zum Schmitewergk". zu dem auch eine Bierschenke (der jetzige Gasthof „Central"),
eine Fleischbank und eine Mahlmühle (heute Betriebsanlagen der Firma
Kalla) gehörten, durch Kauf in den Besitz der Dorothea Schindler von
Hohenwaldt über, die auf Seite der böhmischen Stände Stand.
Nach der Schlacht auf dem Weißen Berge wurde deshalb das Hammerwerk
zu Gunsten des Kaisers eingezogen. Es blieb im Staatsbesitz bis 1728. Die
Stürme des 30jähri-gen Krieges und die gewaltsame Rekatholisierung
ließen den aufblühenden Ort wieder veröden. Am 18. März
1641 wurde in den damals grundlosen Sümpfen der Totenheide eine Schwedische
Abteilung von rund 1000 Mann vernichtet. Ein Gedenkstein hinter dem Bahnhof
Schmiedeberg erinnert an dieses kriegerische Ereignis. Nur langsam erholte
sich Schmiedeberg. von den Schrecken des Krieges und der Nachkriegszeit.
Ende des 17. Jahrhunderts gehörten zum Schmiedeberger Hammerwerk l
Hochofen, 4 Schmiedehütten und 64 Zechen, 1692 wurde ein neues Kohlenhaus
beim Hochofen erbaut,. dessen Ruinen heute noch bei der Fischkonservenfabrik
E. Lienert emporragen. 1694 wurde ein neues Schichtamtsgebäude er-richtet,
das nach dem Brande 1932 zum heutigen Stadthaus umgebaut wurde. Die Bevölkerung,
etwa 600-700 Seelen, setzte sich aus Bergleuten, Hochofenarbeitern, Pocherknechten,
Steigern, Klein-, Huf- und Rohrschmieden, Kohlenbrennern, Kohlmessern,
Fuhrleuten und Handwerkern zusammen.
Die Zeiten des Oesterreichischen Erbfolgekrieges und der schlesischen Kriege
brachten zwar einen Hochbetrieb im Hammer-Werk, aber auch häufige
Brandschatzungen und Hungerjahre 1772 erlagen l79 Personen dem Hungertyphus.
Trotzdem war die Bevölkerung gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf 2000
Seelen angewachsen. Der Kampf gegen den Hunger wollte aber kein Ende nehmen.
Der Staat mußte durch Vorschüsse eingreifen, es entstand ein
Verein zur Unterstützung notleidender Erzgebirgler. Besonders war
es die Gräfin Gabriela von Buquoy, die im Jahre 1832 .die Preßnitzer
Herrschaft einschließlich des Dorfes Schmiedeberg erworben hatte,
die in den Zeiten der Brotlosigkeit die hungernden Schmiedeberger hilfreich-unterstützte.
Selbst die Aufhebung der Erbuntertänigkeit im Jahre 1848 hatte auf
ihre Gesinnung und ihre Handlungsweise keinen Einfluß. Ihr Tod 1863
löste allgemeine Trauer aus.
Im Jahre 1875 wurde der Hochofen endgültig aufgelassen, weil das Unternehmen
im Wettbewerb nicht mehr bestehen konnte. 3 Stabhämmer waren schon
früher stillgelegt worden. Damit war das Ende des Bergbaues in Schmiedeberg
gekommen. Nach dem Weltkriege wurden zwar Versuche gemacht, die Schwerspatgruben
beim Bahnhof, die Bleigrube auf dem Blasiusberg und die Kobaltgrube auf
der „Wilden Henne" wieder in Betrieb zu nehmen. Die Arbeiten wurden-jedoch
bald wieder eingestellt. Doch wird auch für diese Erze die Zeit noch
kommen. Das Wappen, das anläßlich der Erhebung Schmiedebergs
zum Marktflecken im Jahre 1883 von dem Lehrer Eduard Heger entworfen wurde,
hält die Erinnerung an den Bergbau fest. Es zeigt einen brennenden
Hochofen, von Fichten umgeben.
Für Schmiedeberg war der Untergang dieses alten Hüttenwerkes
einsSchwerer Schlag. .Spitzenklöppelei und Gorlnäherei holen
nur ein sehr kärgliches Brot. Die zahlreiche Bevölkerung Sie
war unterdessen auf 3800 Seelen gestiegen-fand nun einen neuen Verdienst
in der Industrie. Zwei größere Unternehmungen, eine Zündhölzchenfabrik
und eine Samtfabrik. Sind unter dem Druck der Wirtschaftslage wieder verschwunden.
Heute bestehen in Schmiedeberg zwei Fischkonservenfabriken, eine Essigfabrik,
eine Baumwollzwirnerei, eine Strumpffabrik, eine Fabrik zur Erzeugung von
Möbelbeschlägen und Isolierschläuchen, eine Buchdruckerei
und eine Maschinenschlosserei. Die Herstellung von Strickwaren, besonders
von Handschuhen, wurde in den letzten Jahren in größerem Umfang
aufgenommen und scheint noch sehr entwicklungsfähig. Die rasche
industrielle Entwicklung wurde ermöglicht durch die Bahnlinie Komotau-Weipett,
die im Jahre 1872 eröffnet wurde und Schmiedeberg an den Weltverkehr
anschloß. Ein selbständiges Postamt hatte bereits im Jahre 1868
der Lehrer Johann Lienett begründet. 1890 wurde es durch eine TelegraphenStatlon
und 1905 durch eine Fernsprechstelle erweitert. Mit allen umliegenden Orten
ist Schmiedeberg heute durch Straßen verbunden. Kraftpostverbinduug
besteht vorläufig nur mit Weipert und Kaaden.
In
den letzten Jahren hat sich Schmiedeberg zu einer beliebten Sommerfrische
entwickelt. Die günstige Lage inmitten der schönsten Aussichtspunkte
des oberen Erzgebirges, die mächtigen Wälder, die reine Gebirgsluft,
die bequemen Verkehrsverbindungen lassen für Schmiedeberg ein reiches
Betätigungsfeld erwarten. Der lange Gebirgswinter mit seiner ausdauernden
Schneedecke und das prächtige Skigelände, das dem Anfänger
wie dem erprobten Wintersportler die reichste Abwechslung bietet, locken
auch im Winter immer mehr Fremde an. So deuten alle Anzeichen, darauf hin,
daß die Not der Vergangenheif endgültig überwunden ist
und Schmiedeberg einer besseren Zukunft entgegengeht.
