Unvergessen!
Wallfahrt und Kapuzinerkloster Maria Sorg im
Erzgebirge
Wenn man heute nach Maria Sorg (Marianska)
fährt, erinnert nichts mehr an dieses Kleinod unserer Heimat. Ein
schmuckloser Ort, mit den Häusern aus der Zeit des Uran-Bergbaues
und ein Altersheim. In einer kleinen Gaststätte, hängen ein paar
vergilbte Fotos.
Nur der Blick zum Plessberg, ist
noch so wie er einst war. 1965 wurde das Kloster entgültig geschleift,
nach einer Periode des Verfalls.
Was bleibt, ist die Erinnerung!
Und doch - es gibt einen Lichtblick.
Das Gnadenbild von Maria Sorg
blieb erhalten. Menschen haben es vor der Vernichtung bewahrt.
Auf Umwegen ist es nach Weipert
- Neugeschrei gekommen und hat heute seinen Platz in der Stadtpfarr-Kirche
von Joachimsthal gefunden. Es gibt wieder eine Wallfahrt zum Gnadenbild.
MARIA SORG
Unweit der höchsten Erhebung des Erzgebirges, dem
Keilberg mit seinen 1274 Metern, dreiviertel Stunden von der Bergstadt
Joachimsthal entfernt, liegt die zerstreute Ortschaft Maria Sorg. An dem
Waldessaum einer Talmulde knapp unter dem weithin sichtbaren Kamm des Erzgebirges
ragt ein kleines Kapellentürmchen aus dem dunklen Grün der Tannen
und verrät uns, daß wir in der Nähe einer geheiligten Stätte
sind. Näherkommend, gewahren wir ein kleines Kloster und eine einfache,
aber nett erhaltene Dorfkirche. Da begegnen wir auch schon einem bärtigen
Priester im braunen Habitus des Kapuziners, der, die Klostermauer entlang
wandelnd, in stille Betrachtung versunken ist. Der fromme Sinn des Ordensmannes
hat uns bereits bemerkt und nach herzlicher Begrüßung erbietet
er sich zum Führer unserer stillen Wallfahrt.
„Um die Entstehung dieses Ortes", so erfahren wir,
„ist wirklich ein ganzer Kranz von Sagen gewoben. Einst lebte hier in einer
einfachen Klause ein frommer Einsiedler, den man gern um Rat anging in
all den mannigfaltigen Nöten und Leiden. Es war ein sehr gelehrter
und in allen Wissenschaften erfahrener Mann, der nach Beendigung seines
Hochschulstudiums in Leipzig, dem Weltgetriebe abhold, hier in der stillen
Aufrichtigkeit seines Herzens dem Herrn dienen wollte. Dieser ehrwürdige
Mann erfuhr eines Tages in besonderer Weise die Gnade Gottes. Sein Verstand
wurde erleuchtet, und er schaute mit seinem geistigen Auge die Zukunft,
die er eines Tages seinen lauschenden Jüngern verkündete. „Noch
wenige Jahre", so weissagte er prophetisch, „so wird jenes Tal unter dem
breiten Berge ein großes Gut sein, ein gewaltiges Bergwerk bieten,
und eine berühmte Stadt wird alldort errichtet werden. Aber nachdem
es groß geworden, wird das Bergwerk wieder in starken Verfall geraten,
bis es sich von diesem Niedergange wieder erholen wird, um zu einer nie
geahnten Blüte zu kommen." Die Geschichte von Joachimsthal bewies
später die Richtigkeit seiner Prophetie.
So fanden sich im Jahre 1515 einige Unternehmer zusammen,
die den Bergbau wieder beleben wollten. Ihre Erfolge waren glänzend.
In 35 Jahren schürfte man nicht weniger als 40 Tonnen Gold. Mit unglaublicher
Schnelligkeit wuchs die Stadt, die binnen fünf Jahren schon weit über
tausend Häuser zählte. Doch bald versiegten die reichen Erzadern,
der schmalkaldische Krieg brachte Unruhe, und so wurde ein ruhiges Weiterarbeiten
unmöglich. Reformation und Gegenreformation mit ihren Folgeerscheinungen
taten das ihrige dazu, so daß der vorhergesagte Niedergang tatsächlich
eintrat. Da faßten 1691 tatkräftige Männer von St. Joachimsthal
im Vertrauen auf den zweiten Teil der Vorhersage den Entschluß, sich
der Gnade Gottes zu neuem Werke zu versichern und bauten an Stelle der
einsiedlerischen Klause ein Kirchlein. Es war aber schwer, den Platz ausfindig
zu machen, wo einst die Klause gestanden hatte, da alles von den Protestanten
zerstört und mit Wald und Gestrüpp überwachsen war. Nach
langem Suchen fand man einen Stein mit eingemauertem Kreuz und kam schließlich
auf die Grundmauern. Mit Erlaubnis des Bischofs baute man an dieser Stelle
eine Holzkapelle und stellte in ihr das Bild, das noch heute als Gnadenbild
gilt, zur Verehrung dar. Dies geschah 1693.
Den Ursprung der Marienstatue umwebt desgleichen eine
anmutige Sage. Ihr zufolge war die damals schon alte und gebräunte
Statue Privateigentum eines Mädchens, das zu der Zeit, da M. Johannes
Matthesius, Luthers Schüler und Tischgenosse, in Joachimsthal als
Pfarrer wirkte, zusammen mit mehreren Protestanten das sogenannte rote
Haus im unteren Viertel des Türkners bewohnte. Das Mädchen aber
war dem katholischen Glauben treu geblieben. Oft kniete sie stundenlang
vor einer alten Muttergottesstatue in ihrem Kämmerlein und flehte
mit gefalteten Händen zur Himmelskönigin. Jedoch erfuhren die
Hausgenossen bald von der Andacht, und so faßten zwei Brüder
den Entschluß, diesen religiösen Übungen für immer
ein Ende zu machen. Der eine bemächtigte sich der Statue und wollte
sie mit dem Angesichte gegen die Mauer annageln, wovon das Zeichen noch
heute am Hinterhaupte zu sehen ist. Er fiel aber von der Leiter und starb.
Da warf der andere das Bild in einen Winkel des Hühnerstalles, wo
es, durch Schmutz entstellt, viele Jahre versteckt blieb, bis nach der
Auswanderung der Protestanten der Katholizismus wieder feste Wurzel faßte.
Damals ließ sich ein gewisser David Weidner aus Plan in dem Orte
nieder und kaufte auch das rote Haus. Da fand er das Marienbildnis, ließ
es säubern und stellte es in seiner Wohnung zur Verehrung auf. Als
er 1676 starb, vererbte er das Bild seiner Tochter, die es der 1693 erbauten
Holzkapelle schenkte. Nach diesem Bild erhielt die Kirche, da die Gegend
schon von alters her Sorg hieß, den Namen Maria Sorg, der in der
Folge auch auf das Dorf überging. Nun setzten, zuerst vereinzelt,
dann in Prozessionen, Wallfahrten aus der ganzen Gegend ein, und immer
stärker wurde der Ruf nach einer steinernen Kirche. Tatsächlich
konnte schon am 8. September 1699 die neue Kirche eingeweiht werden. Nun
begann für Joachimsthal eine Zeit herrlichen Aufschwunges und zwar
nicht nur religiös, sondern auch wirtschaftlich, so daß sich,
nach Entdeckung des Radiums, auch der letzte Teil der Weissagung des alten
Einsiedlers erfüllte.
Wohl stand nun das schmucke Kirchlein in Maria Sorg,
aber es fehlten noch die eigentlichen Hüter und Besorger. Da reiste
1751 ein Joachimsthaler Bürger zusammen mit dem Kirchenvorstand von
Maria Sorg nach Melnik. Dort nahm er für einige Tage Aufenthalt im
Hospiz der Kapuziner. Da kam ihm der Gedanke, daß durch die Errichtung
eines ähnlichen Hospizes in Maria Sorg die dortige Priesterfrage am
besten gelöst werden könnte. Als er wenig später bei einer
Gemeindevorstandssitzung den Gedanken zur Sprache brachte, stieß
er auf allgemeine Zustimmung. 1754 konnten daraufhin die ersten Patres
in Maria Sorg Einzug halten.
Da das Erektionsdekret den Kapuzinern die bestehende
Marienkirche nicht in Besitz und Eigentum übergab, sondern sie nur
als Verwalter und Hüter der Kirche bestellte, bauten die Patres mit
dem Hospiz eine kleine neue Kirche als Fortsetzung der Marienkirche an
diese an. Ungestört entwickelte sich nun das kleine Kloster zum Segen
für die Gemeinde und alle, die in den folgenden Jahrhunderten nach
Maria Sorg pilgerten."
Der Ordenspriester strafft sein Gewand, denn wir stehen
an der Eingangstür der Kirche, bereit, in das Gotteshaus einzutreten,
um dem König der Könige unsere Huldigung darzubringen. Ehrfürchtig
betreten wir den heiligen Raum. Angenehme Kühle umfängt uns,
und der allen Kirchen anhaftende Duft des Weihrauchs erhebt unsere Seele
zur Feier heiligen Gebetes. Andächtig schreiten wir durch das Langhaus,
in dessen Mitte ein Doppelaltar steht, der die Klosterkirche von der eigentlichen
Gnadenkirche trennt. Das flackernde rote Lämpchen vor dem Altar, Zeichen
des im Tabernakel gegenwärtigen Gottes, mahnt zur Demut, und wir knien
ergriffen nieder. Der Jubelklang barocker Plastiken öffnet befreiend
unser Herz zu lautem Preise des Herrn. Dann aber wird es still um uns,
und leise, aber voll inniger Liebe, wie man eben mit einer Mutter spricht,
grüßen wir die Gottesmutter, jenes alte Gnadenbild, von dem
wir eben schon so viel aus vergangener Zeit erfuhren.
Maria trägt das Kindlein auf ihrem Arm, das offenherzig
und kindlich freundlich vor sich blickt. Mit seiner Linken hält es
die Erdkugel spielend umschlossen, während sich die Rechte zu freundlicher
Einladung ausstreckt. Das Haupt beider ist mit großen, barocken Kronen
geziert, prunkende Gewande umhüllen die übrigen Teile der Statue.
Zu Füßen der Muttergottes knien huldigend und bittend zwei Bergleute
in Sonntagstracht. Es ist ein Bild lieblicher Anmut und Schönheit.
Ein leuchtender Strahlenkranz umgibt das Gnadenbild, das da über dem
Tabernakel seine bleibende Stätte gefunden hat. Schwer fällt
uns der Abschied von diesem Gnadenort. Wir betreten nun, seitlich am Hauptaltar
vorbeigehend, die Klosterkirche, wo wir uns noch einmal zu kurzem Gebet
und Segen sammeln. Dann lenken wir unsere Schritte dem Ausgang zu, noch
einmal die Gnadenmutter grüßend.
Heller, lichter Sonnenschein empfängt uns. So
traut aber ist uns dieser Ort geworden, daß wir mit unserem Aufbruch
noch eine kleine Weile warten wollen und uns zu beschaulichem Gespräch
unter die alten, dieses stille Heiligtum umschattenden Linden setzen. „Auch
von ihnen weiß die Sage zu berichten", nickt der freundliche Ordensmann
uns zu, mit seiner ausgestreckten Hand die Bäume umfangend.
„Einst lebte im Böhmerwald ein junger, stattlicher
Bursch mit seiner Mutter und seiner Braut. Den tatenlustigen Jungen lockten
des Kaisers Werber in den blutigen Krieg. Jahre verstrichen, und schon
waren die anderen alle heimgekehrt, aber Georg blieb immer noch aus. Da
bewog die Mutter die Braut, einen anderen zu heiraten. Kurze Zeit darauf
kehrte der gebräunte junge Mann in die Heimat zurück. Da er seine
Braut verheiratet vorfand, entschloß er sich, der Welt zu entsagen
und zu jenem Einsiedler zu ziehen, den er bei Joachimsthal kennengelernt
hatte. Nur eines wollte er sich als Erinnerung mitnehmen. So schnitt er
sich von der mächtigen Linde des Nachbarn einen festen Wanderstab
ab, der fürderhin sein Begleiter sein sollte. Eine Viertelstunde von
der Klause des Einsiedlers entfernt, hörte er banges Seufzen und Stöhnen
in einem Gebüsch. Als er nachsah, fand er einen blutüberströmten
Juden, dem er Samariterdienste leistete. Doch in seinen Armen starb der
schwer Mißhandelte. Da sprangen aus dem Gebüsch zwei Männer
auf ihn zu, bezichtigten ihn des Mordes und schleppten ihn vor den Richter.
Alle waren von der Schuld des Jünglings überzeugt, und so wurde
er verurteilt und am Galgen hingerichtet. Sterbend rief er mit lauter Stimme:
„Ich bin unschuldig, und ich bitte Gott, daß er meine Unschuld an
diesem Lindenstabe bezeuge!" Und noch in derselben Stunde begann der dürre
Stab, grüne Knospen und keimendes Leben zu entfalten. Ob dieses ungerechten
Urteiles entstand ein Aufruhr in der Stadt, und man eilte um Rat und Hilfe
zu Niavis, dem Einsiedler. Der hörte sich alles an, ging dann hin
und holte das junge Bäumchen zu sich in seine einsame Gegend, wo er
es in die Erde pflanzte, damit es fortan des Heiligtums Hüter wäre.
Und so stehen heute noch die Linden um das Kloster." Der Kapuziner erhebt
sich und reicht uns segnend die Hand. Dankbar lenken wir unsere Schritte
aus dem Land, dessen Reichtum und Plage, dessen Mühen und Sorgen,
ja dessen ganzes Wesen wir in so anschaulichen Bildern erfuhren.
Mein besonderer Dank gilt Herrn Grimmer - Ortsbetreuer von Joachimsthal.
© bei G.H. Aue