Sagen und Geschichten
aus der Heimat

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Staapilz
Die Wunderblume.
Von Friedrich Bernau.
Vor langen, langen
Zeiten erhob sich an der Stelle des heutigen Spitzberges bei Preßnitz
ein festes Ritterschloß.
Dort hauste, ein
Schrecken der ganzen Gegend, ein gar böser Herr, der Plünderung,
Raub und Mord zu seinem Handwerk machte. Während er mit Seinen Raubgenossen
im großen Saale der Burg prunkende Trinkgelage hielt, starben die
in seine ruchlosen Hände gefallenen Gefangenen im Burgverließ
den qualvollsten Hungertod.
Einst überfiel
er mit seiner Rotte auch das Kloster zu Maria Sorg, welches er ausplünderte.
Die Mönche ließ er ermorden, den Abt aber zur Erduldung größerer
Qualen in die Gefangenschaft schleppen.
Doch übervoll
war bereits das Maß seiner Untaten. In inbrünstigem Gebete wandte
sich der im Turmkerker dem Hungertode geweihte Abt zum Himmel und bat um
den Untergang der Mörderburg. Da geschah ein furchtbarer Donnerschlag,
die Erde erbebte und das stolze Raubschloß sank in einen Schutthaufen
zusammen; nur der fromme Abt entkam mit dem Leben. So entstand der steinbedeckte
Gipfel des Spitzberges, in dessen innersten Schoß die von den Räubern
massenhaft aufgehäuften Schätze versanken.
Da weidete nach
langen Jahren einmal am Karfreitag ein armer Schäferjunge seine Herde
am Fuße des Spitzberges. Gedankenlos hatte er sch ins Gras niedergelassen,
als er plötzlich auf einem Felsblock eine herrliche Rose blühen
sah. Sogleich eilte er bin, um sie zu pflücken, steckte sie auf seinen
Hut, setzte sich abermals ins Gras und schlief bald fest ein. Im Schlafe
nach rückwärts sinkend, lehnte er sich an die Felswand an, wobei
die Rose auf seinem Hute den Felsen berührte.
Da geschah ein fürchterlicher
Krach. Der Hirt erwachte und sah eine weitgeöffnete Tür im Felsen
vor sich, vor der ein winziges Männlein stand, das ihm, mit dem Finger
winkend, zu folgen gebot. Dies tat er nun auch und gelangte durch dunkle
und lichte Gewölbe, deren Decken die schönsten Edel-Steine schmückten,
in ein mit allen erdenklichen Schätzen angefülltes Gemach, darin
sich eine gar reizende Jungfrau befand, die ihn mit harrenden Blicken anschaute-
Endlich sagte sie zu dem vor staunen starrenden Hirtenjungen: »siehe,
hier hast du die besten Speisen, genieße von ihnen! Hier hast du
Gold, Perlen, Edelsteine und köstliche Gewänder. Nimm dir im
Überflusse davon; doch", fügte sie seufzend hinzu, »vergiß
das Beste nicht!" --
Der Junge tat, wie
ihm geheißen, er aß, trank, steckte sich Hut und Taschen voll
Gold, Edelsteine und Perlen und schickte sich nun wieder zum Fortgeben
an.
Da flehte die Jungfrau
nochmals und sagte: »Vergiß das Beste nicht!" -- Der Hirtenjunge
sah sich um und erblickte plötzlich eine Schäferpeitsche. Da
dachte er bei sich: Nun, was könnte dir wohl mehr nützen, als
diese Peitsche, da du von allem übrigen schon im Überflusse hast!
Und so griff er unbedenklich nach der Peitsche.
Da aber brach das
Mägdlein in ein herzzerreißendes Wehklagen aus. Der Boden erdröhnte
unter seinen Füßen.
Plötzlich geschah
ein Knall und er stand wieder auf der Oberfläche der Erde. Jetzt erst
erinnerte er sich seiner Wunderrose. Hastig griff er an den Hut, um sie
herab zunehmen; allein er gewahrte mit Schrecken, daß er sie unter
den Schätzen des Berges zurückgelassen hatte. Und das war es,
was das Mägdlein meinte. Nun fing er an zu wehklagen und zu weinen,
über es war zu spät. Hätte er die Rose nicht vergessen,
so würde er die Jungfrau erlöst haben und hätte sie als
seine Braut heimführen können,
Seit dieser Zeit
öffnet sich der Berg nie mehr, da die Zauberrose keinen Samen zurückgelassen
hatte; denn sie ruht ja im Berge begraben. Der Hirtenjunge aber wurde ein
reicher Mann und wäre noch glücklicher geworden, wenn er auf
das Beste nicht vergessen hätte ....
© bei G.H. Aue