Zur Geschichte des oberen Erzgebirges
In der 2. Hälfte des 6. Jahrhunderts waren die Sorben
in die Täler und Ebenen eingewandert, die im Süden von dem Urwalde
begrenzt wurden, der die heutigen Lausitzer Berge, das Elbsandsteingebirge
und das Erzgebirge bedeckte. Südlich hatten die ihnen nächstverwandten
Tschechen Böhmen besiedelt. Erst die großzügige Politik
Ottos des Großen führte zur Verchristlichung und Germanisierung
der Slawenländer zwischen Saale, Elbe und Oder, die erst unter den
salisch-fränkischen Kaisern völlig durchgeführt wurde.
In Altdeutschland hatte inzwischen die bäuerliche
Kultur alles ergiebige Land unter den Pflug genommen und aufgeteilt. In
Franken, Thüringen, -Sachsen, Flandern und Hessen konnten viele Bauernsöhne
nicht mehr selbständige Gutsbesitzer werden. Sie wurden die
Pioniere, die das Erzgebirge in deutsches Land verwandelten. Durch die
Gründung der Benediktinerklöster Pegau 1096 und Lausigk 1104
wurden für diese Gegend christlich deutsche Kulturmittelpunkte geschaffen
und dadurch die dorfweise Ansiedelung ostfränkischer Bauern gefördert.
1118 wurde in Zwickau die erste Kirche gebaut. Die
große Einwanderung deutscher Bauern in das Sorbenland im 12. und
13. Jahrhundert veränderte die ganze Lage der Kirche und der Kultur
in dem Koloniallande auf slawischem Boden. Kirche und Deutschtum wurden
in religiöser und moralischer, in finanzieller und numerischer, in
jeder Beziehung gestärkt.
Die Ansiedelung der deutschen Bauern geschah in der
Gestalt der Reihen- oder Waldhufen, die sich in Deutschland vom 9. bis
11. Jahrhundert ausgebildet hatte. Von einer durchgehenden Straße
aus, an der in fortlaufender Reihe die Gehöfte lagen, führte
man von jedem Gehöfte aus die zugehörige Hufe geschlossen in
einem einzigen Streifen bis möglichst zur Grenze der Gemarkung.
In der Verbindung Meißen—Dohna—Pirna—Noilendorf
—Kulm ist wohl der älteste Weg über das Erzgebirge zu erblicken.
Bei Dohna muß eine Gabelung dieses Handelssteiges bestanden haben,
die durch das Müglitztal von Müglitz aus direkt nach Teplitz
führte. Auf diesen Handelspfaden verkehrten in der ältesten Zeit
nur Träger- und Zaumtierkarawanen. Wichtig war für den Handelsverkehr
über das Erzgebirge der Salzhandel von Halle nach Böhmen. Durch
diese Siedelzunge hatte man Anschluß an das Altsiedelland und weiter
in das politische wichtige Reichsgebiet Harz/Thüringen mit den Bischofssitz
Merseburg und Halberstadt. Das alles förderte die Benutzung des Weges,
der für Preßnitz maßgeblich wurde. Er verlief von Zwickau
her über Hartenstein, Lößnitz, Grünhain, Elterlein,
Schlettau, Preßnitz, vorbei an der jetzigen Burgruine Hassenstein,
um schließlich bei Kaaden in das böhmische Straßennetz
einzubinden.
Eine 2. Periode der Besiedelung begann für
das Erzgebirge mit dem Aufkommen des Bergbaues. Die Zisterziensermönche
zu Altzella, welche Markgraf Otto der Reiche von Meißen mit einem
großen Landgebiete an der .östlichen Mulde beschenkte, auf dem
sie Altzella erbauten, waren aus dem Harz gekommen, wo damals der
Bergbau, besonders auf Silber, blühte. Die Entstehung des Bergbaues
zu Freiberg, mit dem die Gründung dieser Stadt im engsten Zusammenhange
steht, fällt in die 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts, etwa in die
Jahre 1162—1170.
Neben dem Aufblühen des Silberbergbaues um Freiberg
entwickelte sich auch der Abbau und die Verhüttung von Eisenerzen
weiter, so um Grünhain und Schwarzenberg. Zinn wurde nicht mehr bloß
geseift, sondern auch bergmännisch gewonnen. Es entstanden die
Bergstädte Geising und Altenberg, wo bereits alte Zinnseifen vor-
handen waren. 1241 war bereits der Ruf des böhmischen Zinnes nach
England gedrungen. Von besonderer Wichtigkeit für die Besiedelung
des Erzgebirges wurde aber der Silberbergbau, der 1470 bei Schneeberg begann
und 1496 zur Gründung Annabergs führte. Da brach für das
Erzgebirge eine 3. Periode der Besiedelung an, wie sie ähnlich nur
noch in Amerika und Australien stattfand. Es entstanden als neue Städte,
bzw. erhielten eine größere Bedeutung: 1500 Schlettau, 1501
Buchholz, 1510 Kupferberg, Sonnenberg, Sebastiansberg, zwischen 1510 und
1516 Unterwiesenthal, 1516 Joachimsthai, 1520 Böhmisch-Wiesenthal,
1521 Marienberg, 1522 Scheibenberg, 1526 Oberwiesenthal, 1528 Katharinaberg,
1529 Abertham, 1532 Gottesgab und Bärringen, 1534 Platten, zwischen
1536 und 1540 Weipert und 1540 Niklasberg und Jöhstadt.
Die erzgebirgischen Städte zeigen den nordostdeutschen
Normalbauplan, der für das gesamte deutsche Kolonisationsgebiet östlich
der Saale und Elbe die städtische Siedelungsform. bestimmte. Der Bergbau
war die Triebkraft der so schnellen und dichten Besiedelung des Obererzgebirges.
Zumeist kam der Strom der Erzsucher aus Sachsen und Franken, aber auch
Bayern drangen von Südwesten her ein, wie dies die Ortschaften auf
reuth, loh und grün bezeugen, und Deutschböhmen von Süden.
Das Erzgebirge bildete während der Hussitenkriege und der Regierung
Georg Podiebrads einen Wall und Rückhalt gegen die völlige Tschechisierung
Nordböhmens. Von Aussig und Leitmeritz gab es bis nach Eger hin etwa
von 1470 bis 1540 vor dem Südabhange des Erzgebirges keine rein deutsche
Stadt mehr. Ln Erzgebirge selbst scheiterten die Tschechisierungsversuche.
Von ihm aus begann auch, wesentlich begünstigt durch die rasch vordringende
Lehre Luthers, die Neugermanisierung des Eger- und Bielagebietes.
Die 4. Periode der Besiedelung des Erzgebirges brachte
die Zeit der jesuitischen Gegenreformation. Böhmische Flüchtlinge
wurden ein wertvoller Zuwachs der erzgebirgischen Bevölkerung. Sie
gründeten neue Land- und Stadtgemeinden. Der bequem und billig zu
fördernde Erzreichtum im Erzgebirge ließ im Laufe der Zeit nach.
Mangel an billigem Bauholze in der Nähe, trat allmählich immer
mehr ein. Dazu kamen die Not des Dreißigjährigen Krieges und
die mächtige ausländische Konkurrenz. Der Freiberger Bergbau
hat vom Jahre 1163-1896 ungefähr 5 242 957 kg Silber im Gesamtwerte
von 908 Millionen Reichsmark. aus den unterirdischen Tiefen gehoben. Der
Hauptschlag gegen die Silberförderung im sächsischen Erzgebirge
erfolgte, als im Jahre 1873 in Deutschland die Goldwährung und damit
die Entwertung des Silbers eingeführt wurde. Infolge des Zinnpreises
lohnte sich die Erneuerung des Zinnbergbaues in Ehrenfriedersdorf, Geyer,
Frühbuß, Sauersack und Hirschenstand. Besondere Bedeutung erhielt
die Gewinnung der Uranpechblende in St. Joachimsthal Die frühere Silberhütte
wurde darum in eine Uranfarbenfabrik verwandelt. Von 1907 an beschäftigt
sie sich auch mit Erzeugung der kostbaren Radiumpräparate. Die Joachimsthaler
Gruben waren die bedeutendsten Fundstätten von radiumhaitigen Uranerzen
auf der ganzen Erde. 1908 erfolgte bei St. Joachimsthal die Fassung und
Ausleitung der radioaktiven Grubenwässer. In demselben Jahre
wurden bereits 4412 Bäder an Heilbedürftige verabreicht. Ein
staatliches Badehaus und Kurhotels haben St. Joachimsthal zum böhmischen,
vielbesuchten Badeort erhoben. Das Erzgebirge wurde ferner der Sitz der
Posamenten- und der Klöppelspitzenindustrie, die Männern und
Frauen Beschäftigung und Brot gewährten,- sich von Jahrhundert
zu Jahrhundert vervollkommneten und bei dem Rückgange des Bergbaues
aus Nebenbeschäftigungen von Frauen und Männern zu Hauptberufen
wurden. In den Waldbezirken entwickelten sich lebhafte Holzindustrien,
wie die weltbekannte Spielwarenherstellung um Seiffen und um Olbernhau,
Katharinenberg und Oberleutensdorf, die Musikinstrumentenindustrie im vogtländisch-erzgebirgischen
Grenzgebiete zwischen Schönbach, Markneukirchen, Klingenthal und Graslitz.
Durch die industrielle Findigkeit, Schaffensfreudigkeit und Unternehmungslust
seiner Bewohner ist das Erzgebirge immer mehr und mehr aus seiner lokalen
Bedeutung herausgetreten.
In den Ortsbeschreibungen findet man ausführliche
Darstellungen zur Geschichte der einzelnen Orte.
Ich habe bewußt in den Ortsbeschreibungen, die
in den dreißiger und vierziger Jahren geschrieben wurden, keine Veränderungen
vorgenommen.
Sie zeugen von der Heimatverbundenheit, den Stolz,
aber auch von den Sorgen und Nöten ihrer Bewohner.
Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges begann das Unfassbare
- die Vertreibung aus der Erzgebirgeheimat.
Es folge die Drangsalierung der deutschen Bevölkerung
durch die tschechischen Okkupanten.
Die Enteignung. die Entziehung der der Lebensgrundlagen
und die Vertreibung aus der Heimat mit all den erlebten Leiden.
Höhepunkt war die Vertreibung der Bevölkerung
aus Kupferberg am 08. Juni 1945:
Ein Dokument aus schwerer Zeit
- Kupferberg